Gefahrenhinweiskarte des linksrheinischen Mainzer Beckens - Rutschungen -

Abb.1: Lage des Kartiergebietes (nach:SCHÄFER 2014)
Abb.1: Lage des Kartiergebietes (nach:SCHÄFER 2014)

Einleitung

Der größte Teil des linksrheinischen Mainzer Beckens wird von Rheinhessen eingenommen, das sich zwischen den Städten Mainz, Worms, Alzey und Bingen auf eine Fläche von etwa 1400 km² erstreckt. Die Landschaft stellt sich als flaches Hügelland dar, deren Hänge vorwiegend durch Weinbau genutzt werden.  Mit etwa 27.000 Hektar Rebfläche ist Rheinhessen nicht nur das größte Weinanbaugebiet Deutschlands, sondern auch das am geringsten bewaldete Gebiet im Bereich der Bundesrepublik. Besonders begünstigt wird der Weinbau durch seine geschützte Lage im Lee von Hunsrück, Taunus, Odenwald und Donnersberg, wodurch der Bereich zu den wärmsten und trockensten Gebieten Deutschlands gehört. Die Region ist sehr stark von Rutschungen geprägt, was im geologischen Aufbau des Untergrundes begründet ist.

Geologie

Geologisch baut sich das Mainzer Becken im Wesentlichen aus den sedimentären Ablagerungen des Tertiärs auf, die sich in die liegenden schluffig-mergeligen Schichten der Selztal-Gruppe des Oligozäns (Mergeltertiär) und die darüber folgenden kalkigen Sedimente der Mainz-Gruppe aus dem oberen Oligozän und dem Miozän (Kalktertiär) unterteilen lassen.    Die Rutschungen treten insbesondere in den sandigen Tonmergeln des Oligozäns auf. Besonders betroffen sind die Schichten der Stadecken-Formation (ehemals: Schleichsand) und der Jakobsberg-Formation (ehemals: Süßwasserschichten), untergeordnet auch die Ablagerungen der Sulzheim-Formation (ehemals: Cyrenenmergel) und der Bodenheim-Formation (ehemals: Rupelton). Diese Schichtpakete bauen häufig die durchschnittlich mit 4 - 15° geneigten, flachen Hänge auf und können selbst bei geringsten Hangneigungen noch Kriechbewegungen zeigen. Typisch sind wellenartige Verformungen im Hang, Vernässungsstellen und verkippte Rebstöcke, die auf anhaltende Kriechbewegungen schließen lassen. Die Gleitflächen können bis in Tiefen von etwa 20 m reichen, meist handelt es sich jedoch um flache, ausgedehnte Rutschungen von 2 - 5 m Mächtigkeit.

Kartengrundlagen

Die Hangstabilitätskarte des linksrheinischen Mainzer Beckens wurde erstmals von KRAUTER & STEINGÖTTER 1983 erstellt. In ihr sind im Maßstab 1 : 50 000 von Hangbewegungen betroffene bzw. gefährdete Gebiete dargestellt worden. In der 2. Auflage von ROGALL & SCHMITT (2005) wurden auf Basis aktueller Karten und neueren Schadensfällen weitere kritische Hangbereiche identifiziert. Bei der nun vorliegenden 3. Auflage der Gefahrenhinweiskarte handelt es sich um eine komplette Überarbeitung und Neukartierung der Rutschgebiete. Als Grundlage für die Arbeiten diente das Digitale Geländemodell (DGM) des Landes Rheinland-Pfalz aus den Jahren 2016 bis 2022. Das hochauflösende Geländemodell stellt die Geländeoberfläche in bisher unerreichter Genauigkeit dar, so dass Abrisse, Geländekanten, Senken und Wülste bei richtiger Betrachtung deutlich hervortreten und präzise kartiert und bewertet werden können.

Mit Hilfe des Digitalen Geländemodells konnten die Rutschgebiete wesentlich detaillierter und präziser identifiziert werden, so dass nicht nur Aussagen zur Ausdehnung der Rutschungen gemacht werden konnten, sondern es auch möglich war, die Aktivität der Rutschmassen abzuschätzen und zu bewerten.

Ausschnitt aus dem Digitalen Geländemodell für den Bereich des Wißbergs bei Sprendlingen
Abb. 2: Ausschnitt aus dem Digitalen Geländemodell für den Bereich des Wißbergs bei Sprendlingen mit deutlich sichtbaren aktiven Rutschmassen.

 

1 Abrisskante mit Versteilung

2 Geländewulst

3 Unruhige Morphologie

4 Anzeichen aktueller Verformungen

Allgemeine Bemerkungen zur Rutschungsgefährdung

Die Kartierung zeigt, dass im Wesentlichen das "Mergeltertiär", die geologischen Einheiten der oligozänen Mergel und Tone (besonders Bodenheim-Formation, Stadecken-Formation, Sulzheim-Formation und Jakobsberg-Formation), von Rutschungen betroffen ist. Auch wenn viele der Rutschgebiete Hangneigungen von etwa 10° bis 15° aufweisen, zeigen einige der Rutschhänge Neigungen von lediglich 4°. Daher können auch sehr flache Hangbereiche durch Rutschungen gefährdet sein. Die Gleitflächen alter Rutschmassen können bis in eine Tiefe von 20 m reichen, Gleitflächen rezenter Rutschungen liegen jedoch häufig nicht tiefer als 2 bis 5 m. 

Weiterhin ergaben Untersuchungen, dass Rutschungen innerhalb der oben aufgeführten geologischen Einheiten dort stattfinden, wo eine oder mehrere der folgenden natürlichen Gegebenheiten vorkommen:

  • Alte Rutschmassen (rezente Rutschungen treten meist im Gebiet alter Rutschmassen auf)
  • Überlagerung des "Mergeltertiärs" durch Grundwasserleiter, wie das "Kalktertiär" (oberoligozäne bis miozäne Kalksteine und Mergel) oder pliozäne und pleistozäne Sande und Kiese (geologisches „Hart-auf-Weich“-Prinzip)
  • Entfestigung des Gebirges durch Verwitterung und Auflockerung
  • Talwärts einfallende Schichten
  • Feinsandeinschaltungen (im Volksmund "Schleich" genannt) in den Tonen und Schluffen mit z.T. gespanntem Grundwasser, die in mehreren stratigraphischen Niveaus liegen
  • Störungen, die die Wasserwegsamkeit des Gebirges erhöhen und die seitliche Einspannung (=Gewölbewirkung) verringern
  • Keine oder nur geringmächtige quartäre Deckschichten, wie z. B. Löss

Die vorliegende Gefahrenhinweiskarte spiegelt den aktuellen Wissensstand wider, die Klassifizierung der Rutschgebiete erfolgte nach den Ergebnissen der Kartierung. Die Karte soll als ergänzende Planungsgrundlage im Vorfeld von Bauvorhaben dienen. Sie kann und soll jedoch nicht als Ersatz von projektbezogenen Baugrunduntersuchungen nach DIN EN 1997-1 und -2 sowie DIN 4020, die grundsätzlich zu empfehlen sind, verstanden werden. Insbesondere bei der Planung neuer Baugebiete oder Verkehrstrassen sollten im Mainzer Becken frühzeitig Baugrunduntersuchungen unter besonderer Beachtung möglicher Rutschungsgefährdungen durchgeführt werden. Weitere Informationen sind auch in der Broschüre „Sicher Bauen in Rheinhessen“, die auf der Webseite des Landesamts für Geologie und Bergbau heruntergeladen werden kann, aufgeführt.

Für die ausgewiesenen Rutschgebiete gilt nicht zwangsläufig, dass sie stark gefährdet oder nicht bebaubar sind. Im Vorfeld der Bauplanung ist hier jedoch ein erhöhter Untersuchungsaufwand hinsichtlich der Hangstabilität notwendig und oft sind auch konstruktive Anpassungen der Bauwerke bei der Bauplanung vorzusehen. Umgekehrt kann auch nicht gefolgert werden, dass Baumaßnahmen, die außerhalb der ausgewiesenen Rutschgebiete liegen, grundsätzlich unbedenklich sind. Bei Baumaßnahmen innerhalb des "Mergeltertiär" sollten auch in flachen Hanglagen größere Eingriffe in die Hanggeometrie wie Anschnitte oder starke Lasterhöhungen durch Aufschüttungen vermieden werden. 

Geologisch Standarprofil im Mainzer Becken
Geologisch Standarprofil im Mainzer Becken

Literaturverzeichnis

KRAUTER, E. & STEINGÖTTER, K. (1983): Die Hangstabilitätskarte des linksrheinischen Mainzer Beckens. 31 Seiten, 12 Abbildungen, 5 Tafeln, Geol. Jahrbuch C 34, Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung; Stuttgart.

SCHÄFER, P (2014): Sedimentationsgeschichte und Stratigraphie der
tertiären Ablagerungen im südlichen Mainzer Becken. Jber. Mitt. oberrhein. geol. Ver., N.F. 96, 73–104, 13 Abb.; Stuttgart.

WEHINGER, A. & HEINRICHS, C. (2014): Sicher Bauen in Rheinhessen. Maßnahmen bei Hangrutschgefährdung und anderen Georisiken - Eine Information für Gemeinden, Planer / Architekten und Bauherren.